trans-pyrenees-2015

Vorwort

4

Im Anfang war das Abenteuer, oder: Jedem Abenteuer wohnt ein Zauber inne.

Soweit ich zurückdenken kann, waren es Abenteurer und ihre Erlebnisse die mich fasziniert haben. Abenteuer, in denen Menschen mit großem Weitblick außergewöhnliche Dinge in Angriff nahmen, um parallel zu ihrem Grenzgang ein Stück des Weltganzen zu entdecken.

Ja, um vielleicht tatsächlich zu erkennen, was die Welt im Innersten zusammen hält.

Rollo Gebhard umsegelt mehrfach auf kuriosen Routen die Welt, Reinhold Messner und Hans Kammerlander bezwingen zahlreiche Achttausender und die Huberbuam durchsteigen im Freesolo die Zinnen Nordwände.

Segeln, Bergsteigen; Sportarten die mich von klein auf begleiten und deren Literatur meine gedanklichen Abenteuer geprägt, ja meine Fantasie beflügelt hat.

Doch in den Träumereien kamen vor allem auch schon immer jede Menge Flugzeuge in verschiedensten Varianten vor. Mit dem Segelflugzeug durch die Alpen wurde irgendwann zum immanentesten Wunsch.

Ein Wunsch, der nicht realisierbar sein sollte, denn in meiner Familie wird nicht geflogen! Zwar dürften meinen Vater ähnliche Träumereien umgetrieben haben und finanziell sollte es auch möglich gewesen sein, doch der Erfüllung standen zu viele Verpflichtungen und letztlich grundsolide Bodenständigkeit im Weg. Ich brauchte mir diesbezüglich also keine Unterstützung erhoffen.

Mit Anfang 20 kam die Lösung meiner Probleme in Form eines Gleitschirms daher und nach und nach fand ich heraus, dass es in dieser Szene offenbar Leute gibt, die furchtbar kuriose Dinge mit diesem Fluggerät unternehmen. Eine Variante davon stellt das Biwakfliegen dar, und ich möchte behaupten, dass diese Leute in der Faszination ihrer Abenteuer den Messners und Kammerlanders dieser Welt in nichts nachstehen. War hier der Punkt für mich anzusetzen und zu beginnen, meine eigenen Abenteuer zu schreiben?

Was ich speziell in der Saison 2015 erleben durfte, hat meinen Horizont als Flugsportler unglaublich erweitert, ja, hat mir neue Dimensionen und Welten, Denk- und Sichtweisen erschlossen.

Ein besonderes Highlight: Biwaken in den Pyrenäen.

Doch beginnen wir von vorne:

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Transpyr-2015: Einleitung

Vom Atlantik ans Mittelmeer

(fast schon ein Klassiker)

Biwakfliegen!

Als ich 2007 meinen Gleitschirmschein gemacht hatte, war das der große, in mir aufkeimende Traum. Viele Jahre diverser Bergsportarten lagen bereits hinter mir und nun kam noch das Fliegen dazu. Leider musste ich anfangs feststellen, dass sich die Kombination aus beidem nicht so einfach wie erhofft bewerkstelligen ließ! Ein passender Vergleich wäre wohl, dass man auch erst Skifahren im konventionellen Skigebiet lernt, bevor man als geübter Sportler eventuell die erste Skitour geht.

Und so zogen die Jahre ins Land, die Streckenflüge wurden jedes Jahr größer und alle anderen Freizeitaktivitäten kamen ob der Fliegerei zum Erliegen.

Und dann durfte ich Boxi kennenlernen.

Angeregt durch den Kirgistanartikel im „DHV-Info“ habe ich den Biwakgroßmeister kurzer Hand eingeladen, seinen Vortrag für den Bamberger Gleitschirmclub zu halten. In der Biermetropole Bamberg fand dies natürlich standesgemäß in der Brauerei statt. Zu fortgeschrittener Stunde, nach intensiven Gesprächen übers „Walk&Fly“ und einigen Hopfenkaltgetränken später, kam von Boxi die entscheidende Frage: „Kimmst mied, naxtes Joahr ind Pyrenäen?“ Trotz des erhöhten Konsums des köstlichen Nass‘, feinster Schederndorfer Braukunst, gab ich in mich schlagartig überkommender ernsthaftester Nüchternheit, die für mich einzig mögliche Antwort: Sofort und jeder Zeit!

Boxis Plan: Die Durchquerung der Pyrenäen vom Atlantik ans Mittelmeer, im Modus „Fliegen mit Freunden.“

Und so zogen die Monate ins Land. Es wurde Frühling, man traf sich zum gemeinsamen Fliegen in Slowenien, Bassano, Kampenwand et cetera und Boxi inniziierte zudem einen E-Mailverteiler, über den zunächst allseits bekannt gemacht wurde. Mehr und mehr wurde diese Plattform allerdings genutzt, um fachliche Tipps und Tricks zur Vorbereitung auf das zweiwöchige Abenteuer auszutauschen. Nach einigem Hin- und Her, nachdem auch so mancher Flugsportkamerad seine Entscheidungsschwierigkeiten überwunden hatte, stand auch die endgültige Besetzungsliste fest:

Boxi, Werner, Robert, Bubi, Uli, Tom, Michi, die beiden „Benes“, Steff, Christin, Blaimi, Sebastian und meine Wenigkeit. Boxi forderte nach Möglichkeit dazu auf, sich in Zweierteams zu organisieren, die während des gesamten Trips untereinander verantwortlich sind. Darüber hinaus sollte jedes Team in der Heimat einen Supporter haben, der die Tracks über den obligatorischen Spot-Messenger verfolgt, um, im Fall der Fälle, die Kommunikation unter den Teampartnern aufrecht zu erhalten. Nachdem mir mein fränkischer Teampartner Roland leider ob beruflicher Verhinderung eine Absage erteilen musste, nahm sich kurzerhand Boxi meiner an. Roland wurde zum Supporter umfunktioniert, was sich später noch als sehr nützlich erweisen sollte………

Der Starttermin, der 25.07.2015, rückte unaufhaltsam näher. Nachdem es zum Geburtstag noch ein UL- Zelt gab (nochmals vielen Dank an meine Freunde vom 1.Bgsc), stand nun auch meine endgültige Ausrüstung fest:

Gin GTO2, Gin Yeti-Leichtrettung, einen Ozium Leichtgurt, Spot, Gps, Vario, Fahrradhelm.

Für den Komfort: Zelt, Schlafsack, Taschenmesser, Stirnlampe, drei Funktionshemden, zwei Merinounterhosen, drei Paar Sportsocken, Ziphose, Primaloft, leichte Unterjacke, winddichte und regenfeste Überjacke, Handschuhe, Sturmhaube, Trinksystem, Wanderstöcke und feste Turnschuhe.

Elektronik (neben schon erwähnter Flugelektronik):

Diverse Ladekabel, Powerbank, Camcorder, Batterien, SD-Karten, Smartphone.

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Zwar konnte ich durch die freundliche Unterstützung von Martin Ogger und seiner Süddeutschen Gleitschirmschule, anhand einer gesponsorten Leichtrettung, Gewicht um Umfang meines Rucksacks nochmals reduzieren, trotzdem drängte sich mir beim Anblick der auf dem Wohnzimmerteppich ausgebreiteten Ausrüstung eine entscheidende Frage auf: „Wie, um Himmels Willen, sollte man das alles in einem Leichtgurtzeug verstauen, ohne, wie in der Biwakszene üblich, auf den Protektor zu verzichten?!!!“

Da ich in diesem Punkt keinen Kompromiss eingehen wollte, begab ich mich eine Woche vor Abreise auf die Suche nach einem begabten Handwerker. Diesen fand ich in der Person von Schuster Levin aus der Hallstadter Straße. Herr Levin stammt aus der Ukraine, ist studierter Ingenieur, seit 20 Jahren in Bamberg ansässig und arbeitet seither als Schuster und Änderungsschneider. Ich erklärte ihm, dass ich ein optionales Upgrade für mein Gz benötige, welches mir genug Stauraum fürs Biwakfliegen verschafft, ich jedoch im Alltag auch ohne Anbau unterwegs sein könne. Fünf Minuten und eine Konstruktionszeichnung später waren wir uns einig:

Herr Levin würde mir eine Art Zusatzrucksack bauen, der sich mittels zweier Reißverschlüsse stromlinienförmig an das Rückenteil meines Gz’s anschmiegen würde.

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Gurtzeuganbau

Danach unterhielten wir uns noch über russische Oper und Weltliteratur; eine wirklich ungewöhnliche, aber überaus nette Begegnung!

Nachdem sich also alle Schwierigkeiten in Wohlgefallen aufgelöst hatten, bestieg ich am Freitag, den 24.07.15, um 8 Uhr morgens den ICE Richtung Paris. Auf Grund meiner studentischen Bonität entschied ich mich gegen den gemeinsamen Flug von München nach Bilbao und nutzte ein Interrailticket, auch im Hinblick darauf, dass ich im Anschluss noch nach Südfrankreich wollte.

Freitag Abend um halb sieben erreichte ich auch schon, gefühlte zwei Tage später, Saint Jean de Luz, einen Hafenort am Atlantik, welcher unseren gemeinsamen Treffpunkt für den kommenden Samstag Nachmittag darstellen würde.

transpyr-2015: tag 1

Sturm und Gewitter

Saint Jean empfing mich mit schwüler Hitze, welche sich nachts in Starkregen und Gewitter entlud. Den Auftakt hatte ich mir anders vorgestellt! Als ich jedoch morgens aus dem Zelt kroch, durfte ich zu meiner Freude feststellen, dass meine anfänglichen Bedenken bezüglich dieses „Etwas an Stoff“ überflüssig waren. Feuertaufe bestanden, alles trocken, alles dicht!

Mit diesem Erfolg, zwei Pain Chocolate und einem Milchkaffee gestärkt, erhielt ich Boxis Anruf:Wir sitzen im Taxi nach Saint Jean!“ Mit großem Hallo trafen wir uns bei Starkwind an der Steilküste.

1.1

Boxi nutzte die Gelegenheit, sich nochmal ordentlich durchlüften zu lassen und dann ging es auch schon los in Richtung Larhun, eine 900m hohe Erhebung, ca.10km von der Küste, welche unseren Startberg darstellen sollte.

Das erste Abenteuer ließ auch nicht lange auf sich warten und kam in Form einer Autobahn daher. Während sich der Großteil der Gruppe auf die Suche nach einem geeigneteten Transit begab, setzten Boxi und ich zum ersten Shortcut an. Kurzerhand wurde die Autobahn an Ort und Stelle zu Fuß überquert. Die sich anschließende Landstraße führte direkt nach Osten auf den Larhun zu und bereits hier durften wir erstmals baskische Gastfreundschaft genießen: Ein Geländewagen brachte uns zum Ausgangspunkt des Wanderwegs. Nachdem wir uns erfolgreich durch jede Menge Dornen und Gehölz gearbeitet hatten, standen wir eineinhalb Stunden später am Start.

Es war wohl gegen 16 Uhr und bei einem Blick auf die Karte musste ich feststellen, dass bis zum vereinbarten Tagesziel Erratzu noch gut 25 Kilometer Luftlinie vor uns lagen. Nach und nach setzte sich auch das Rückseitenwetter durch und es bildeten sich einzelne Cumuli heraus.

Ob Thermik oder Wassersäcke; egal, als die die ersten Geier vor uns aufdrehten, fiel der Startschuss.

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Mühsam konnte man überhöhen, jedoch hatte sich das W&F-Prinzip bei mir noch nicht so ganz manifestiert. Demnach wäre es wohl am geschicktesten gewesen, mit meiner Überhöhung unterhalb des Grat‘ einzulanden, 100 hm bis zum Gipfel rauf zu gehen und nach Osten ins Lee raus zu starten. Während Boxi am Start wieder einlandete um bessere Bedingungen abzuwarten, entschied ich mich die Ridge nach Norden abzugleiten, um mich auf der Straße per Anhalter durch zu schlagen. Nach einer abendlichen Passüberquerung, mit drei mehr als abenteuerlichen Basken, die unterwegs zur Fiesta nach Spanien waren und für die die Überschreitung der Promillgrenze, bzw. der Konsum von THC beim Fahren wohl eher als Kavalliersdelikt zu sehen war, erreichte ich in der Abendsonne Erratzu.

Vor der urigen Dorfkneipe, einer Mischung aus Pils-Pub und Tante-Emma-Laden, wartete ich bei eisgekühltem St.Miguel die Ankunft meiner Mitstreiter ab. In unserer reservierten Unterkunft wurde bei leckeren drei Gängen und säuerlichem Rotwein ein großes Wiedersehen gefeiert. Die letzten kamen ja schließlich auch schon gegen halb zwölf an…….

transpyr-2015: tag 2

Harter Walk, wenig Fly

Nach einem ausgiebigen Frühstück wanderte die ganze Truppe durch sanfte, baskische Hügellandschaft auf den Hautza, wo wir den nächsten Flug antreten wollten.

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Die sanfte baskische Hügellandschaft war ein riesen Fake. Dornen, nichts als Dornen!

Was von der Ferne als immergrüne Bergwiese anmutete, kristallisierte sich bei näherer Betrachtung als meterhohe Dornbewaldung heraus.

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Da wir natürlich querfeldein, fern jeglicher Wanderwege unterwegs waren, galt es nun Federn zu lassen. Die Gruppe teilte sich mehrfach, da natürlich jeder irgendwo einen geeigneteren Weg zu sehen glaubte, und drei Stunden später trafen wir uns auch alle mit den gleichen Blessuren, untehalb des 1300m hohen Hautza-Gipfels, wieder.

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Start am Hautza

Die anfänglichen 50 km/h Wind, in denen sich die Geier schon seit Stunden abhängten, wandelten sich nach und nach zu moderaten Soaringbedingungen und in nullkommanichts waren die Meisten in der Luft. Man hätte sich wohl todsoaren können, doch durchgezogen hat nichts. Der knapp 40km entfernte Pic Orhi, unser ausgemachtes Tagesziel, schien unerreichbar!

Als es kurzzeitig etwas über den Gipfel raus ging, gaben Werner, Boxi und Bene Gas.

22.0

Keine Sekunde zu spät schloss ich mich an und ab gings durchs Lee Richtung Osten. Nach ca. 8 km Gleitflug spickten wir alle ein paar 100 Meter von einander entfernt , auf halber Höhe des nächstgelegenen Bergpasses ein. Boxi Werner und ich konnten schnell wieder zueinander finden und unermüdlich ging es bei gefühlten 50°C bergan. Wasser, zunächst Fehlanzeige!

Als dann aber doch eine Viehtränke mit eiskaltem Quellwasser daher kam, gab es eine ausgiebige Wasserschlacht! Eine Stunde später war der Gipfel erreicht. Boxi startete nach Westen ins Lee und versenkte sich, Werner nach Osten, luvseitig und ward nicht mehr gesehen. SMS und Anrufe an die beiden Kollegen endeten im Nirvana und da stand ich nun, abends um sieben, Mutterseelen alleine am Berg. Was tun?

Ich startete nach Osten und…..erwischte Konvergenz und Abendthermik. In einem Schwarm von Geiern drehte ich gemütlich im warmen Licht des glutroten Feuerballs auf. Eine Genugtuung, ein wunderschöner Moment!

In Verlängerung meiner Ridge sah ich in ein Paar Kilometern Entfernung drei Schirme, die ich nun anpeilte. Dort angekommen stieß ich in der Luft auf Robert, Bubi und Uli und im selben Moment kam von Werner die SMS: „Bin in Saint Jean Pied de Port gelandet.“

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Saint Jean

Nach lautstarker Begrüßung und der Info wo Werner auf uns wartet, flogen wir gemeinsam in Formation in die Stadt raus. Robert und ich landeten zentrumsnah auf einer Wiese am Fluss und hatten somit den idealen Zeltplatz ausgemacht.

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Nach einer Team-SMS und zwei Stunden später war die versprengte Gruppe wieder beisammen, Grund genug für die nächste Party!

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transpyr-2015: tag 3

Immer wieder W&F

Der nächste Tag empfing uns grau und wolkenverhangen. Von Saint Jean P.d.P führte uns eine Landstraße in ein südöstlich ausgerichtetes, dünnbesiedeltes Tal. Zunächst galt es, den 12km entfernten Talschluss, mit dem sich anschließenden Pass zu erreichen.

5.1.2

Müde Gestalten am Talschluss

Mit elf Leuten zu trampen….das dürfte wohl schwierig werden!

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Freundliche Camper helfen uns weiter

In kleinteiligen Gruppen, oder als Einzelkämpfer, erreichten schließlich doch alle den „Arthaburu“ mit seinen 1156m, wo wir zunächst in verlassenen Schafsstallungen die letzten Regenschauer abwarten konnten.

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Das einzig motivierende für diesen Tag dürfte wohl der spanische Bierpreis gewesen sein, der uns erwarten sollte, falls es über die hohen, südlich gelegenen Berge drüber gehen sollte.

Ein ständig um uns kreisender Heli sorgte, in Zusammenhang mit Roberts rotblinkendem Spot, noch kurzzeitig für Irritation. Als das Blinken jedoch auf die leeren Batterien zurückgeführt werden konnte und der Heli sich auch allmählich aus dem Staub machte, gab es kein Halten mehr.

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Start an der Passstraße

Etwa eine Stunde nach den letzten Schauern waren Boxi und ich in der Luft, der Rest blieb noch zögerlich. Trotz der Nässe war es überaus labil und wir konnten butterweich in die Wolke über dem Start reinschrauben. Wirklich hoch gings allerdings nicht raus und Boxi, der die deutlich bessere Linie flog, verschwand hinter der nächsten Querrippe. Ich konnte nach der Talquerung am Gegenhang einlanden und nach 10min Fußmarsch, mit dem Schirm über der Schulter, erneut nach Osten rausstarten. Gleiches Procedere: Aufdrehen, Talquerung, einlanden im Gegenhang und wieder die letzten Höhenmeter zum nächsten Grat rauflaufen.

Die Basis sank unwillkürlich und es machte mehr und mehr dicht. Meine Laune besserte sich jedoch erheblich, als ich, oben am Grat angekommen, erneut auf eine Passstraße stieß. Ein Blick auf meine App machte schnell klar, dass „Larrau,“ ursprünglich das Etappenziel des Vortags, am Fuß des Pic Orhi, auf diesem Wege recht leicht zu erreichen sein dürfte. Wenige Minuten später räumte mir eine englische Familie den Beifahrersitz im Auto frei, ich wurde mit Wasser, Kaffee, Pain Chocolate und jeder Menge Kekse versorgt und etwa 20min später stand ich in Larrau an der Abzweigung Richtung Pic Orhi, bzw. zur Passstraße nach Spanien. Es war mittlerweile nach 19Uhr und Autoverkehr Fehlanzeige. Nach Kontaktaufnahme mit Roland in Bamberg, der die GPS-Positionen für mich konntroliert hatte, war klar: Das gesamte Feld bewegte sich hinter mir und an eine gemeinsame Ankunft in Spanien war heute nicht mehr zu denken.

Als sich gerade etwas Einsamkeit in mir breit machen wollte, bremste aprupt ein Auto, Türen schlugen und mein Teampartner Boxi stand vor mir. „Jawolll ja!!!“

Eine viertel Stunde später hatte Boxi auch schon einen guten Vorrat an Cerveca organisiert und vergeblich, dafür gut gelaunt, warteten wir auf einen Lift nach Spanien. Dieser war uns zwar am heutigen Tage nicht mehr vergönnt, wohl aber ein Paar Sandwiches, Rotwein und tiefgreifend philosophische Lebensbetrachtungen bis spät in die Nacht.

transpyr-2015: Tag 4

Spanien

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Nach dem Aufstehen in Larrau

Als Boxi und ich uns nach dem Frühstück die Passstraße bergan in Bewegung setzten, konnte ich einen ganzen Pulk Gleitschirme ausmachen. Unsere Mitstreiter hatten offenbar auch den Orhi als geeigneten Startberg ausgemacht und glitten nun von einer ca.8km entfernten Ridge zu uns ab.

Zu einem Zusammentreffen sollte es aber erst später kommen, da es das Schicksal in Form einer netten französischen Familie, samt geräumigem Kombi, offenbar gut mit uns meinte.

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kurz vorm Pass des Orhi

Zehn Minuten später erreichten wir den Pass und gut eine Stunde danach war, wie von Zauberhand, ein Großteil der Gruppe wieder beisammen.

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Zusammenkunft am Ohr, 100m vom Start

Es sah perfekt aus. Bei einem Blick nach Norden war klar, dass wir uns wohl auf dem Hauptkamm der Pyrenäen befinden müssten. Zur Linken tief hängende, graue Wolken, zur Rechten stahlblauer Himmel. Ca. 100m vom Pass legten wir in einer perfekt angestrahlten Süd-Ostflanke aus und als Tagesziel wurde Candanchu, ein in einem 40km entfernten Hochtal gelegener Skiort, ausgemacht.

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Boxi nach dem Start: Unterwegs Richtung Candanchu

Nach dem Start ging es zunächst recht zäh dahin und schon wenige Kilometer weiter landete ich ca. 400hm unterhalb unserer Ridge ein. Immer noch topmotiviert folgte nun ein flotter Fußmarsch bei brütender Hitze und ca. eine Stunde später startete ich erneut. Die Bedingungen waren nun deutlich besser. Die nächsten 20km arbeitete ich mich bei guten Steigwerten, viel Westwind, dabei allerdings mäßiger Basis, nach Osten vor. Als eine relativ große Talquerung anstand, sprang ich auf eine vorgelagerte, niedrig gelegenere Ridge, die ich, da vom Talwind unterstützt, entspannt ostwärts weiterreiten konnte. Irgendwann legte der Wind derart zu, dass an ein Zentrieren der Bärte kaum mehr zu denken war. Etwa im oberen Drittel einer Querrippe konnte ich am Talschluss einlanden. Kurzerhand warf ich mir den Schirm über die Schulter und spurtete durchs Geröll 150hm nach oben. Am Grat angekommen war unklar, welche Richtung besser zu starten wäre, da Wind aus Ost und West anstand. Ob der fortgeschrittenen Uhrzeit entschied ich mich nach Nordwesten raus zu starten. Nachdem der etwas biestige Leebart bezwungen war, machte ich mich an der Basis gen Osten weiter. Vor mir lag ein weites, wildes Tal, umrahmt von markanten, hohen Felsmassiven.

Die App sagte mir, Candanchu sei gerade mal 15km entfernt, allerdings hatte ich keinen Plan, wohin es genau zu fliegen galt. Von den Anderen gab’s keine Spur und das vor mir liegende Gelände war völlig unübersichtlich. Nachdem der Wind nochmals kräftig zugenommen hatte, meine Orientierungslosigkeit immer größer wurde und damit einhergehend die fliegerische Motivation gegen Null sank, vernichtete ich mit einer satten Spirale 1200hm und landete vor einem vollbesetzten Ausflugslokal ein. Gerade aus dem Gurtzeug geschält, bot sich auch schon eine Mitfahrgelegenheit in den nächstgelegenen Ort an. Leicht demotiviert legte ich in der Ortsmitte von Izaba meinen Schirm zusammen, als ich glaubte, eine Fatamorgana erkennen zu müssen. Doch in vollster Leibhaftigkeit stand vor mir……der Schaberl Michi!

Der Tag war gerettet!

Dank Michis grandiosem Spanisch, seinem unglaublichen, bajuwarischen Esprit, acht überaus reizvollen Spanierinnen (im Zusammenhang mit jeder Menge verteilter Besos) und letztlich zweier hilfsbereiter Straßenarbeiter gelang es uns, ca. 100km um das vor uns gelegene Bergmassiv drum rum zu trampen. Gegen 22 Uhr und einige San Miguel später, erreichten wir dann auch schon Candanchu.

Was ich von diesem Tag mitnahm: Es wäre äußerst hilfreich die Landessprache zu beherrschen, am besten nur noch mit Michi trampen und vorallem würde ich mich nun eingehend mit der Goto-Funktion meines GPS‘ beschäftigen!

transpyr-2015: tag 5

Starkwind

Nach Tagen des mehr oder weniger fliegerischen „Rumdümpelns“ war die Motivation heute bei allen zunächst sehr hoch.

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Auffüllen der Vorräte

Wir hatten die Nacht alle zusammen in einem vorbildlichen Matratzenlager verbracht und durften nach einem äußerst mäßigem Frühstück den überhaupt nicht sehenswerten Skiort verlassen.

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Candanchu

Gleich zu Beginn spaltete sich die Gruppe. Die meisten trafen, ob der sich einstellenden Starkwindsituation, eine Entscheidung gegen das Fliegen, während Boxi, Werner und ich uns die Sache erstmal näher ansehen wollten. Zu dritt bestiegen wir den nächstgelegenen Berg.

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Aufstieg von Candanchu

Wir hatten einen wunderschönen zweistündigen Aufstieg hinter uns, als auch schon ein geeigneter Startplatz ausgemacht war. Die Wolken zogen flott. Zu flott?

Egal, Hauptsache Wind aus der richtigen Richtung, der West in der Höhe sollte uns auf unserer Reiseroute ja nur zum Vorteil gereichen. Getreu Boxis Motto „lieber einen sauberen Leebart zentriert, als sich im Luv „rumschubsen“zu lassen,“ sprengte es uns mit 6m/s integriertem Steigen an die Basis, die heute zum ersten Mal über 3000m lag.

Von unserem 40km entfernten Ziel „Torla“ trennte uns ein mittlerer und ein hoher Pass, samt einer großzügigen Talquerung mit riesigem Gletschersee.

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Die Wolken zeigens deutlich: Wind….sehr viel Wind!

Über den ersten Pass drüber und in die Konvergenz eintauchend war schnell klar, dass da heute richtig viel Wind im Spiel war.

Nachdem ich Boxi aus den Augen verloren hatte und Werner am Ende des Sees eingelandet war, wollte ich es nochmals wissen. Am Seeende ziemlich tief angekommen, konnte ich nochmals an einer Querridge im Talwind aufsoaren und arbeitete mich in Richtung der westlich gelegenen Talschlüsse vor. Der Wind zog die Schrauben nochmals an!

Auf den mich vom Tagesziel trennenden 3000er Pass zuhaltend, traf ich eine essentielle Entscheidung: Entweder ich würde vor dem Einfliegen in diese wilden, stark zerklüfteten und gleichsam hohen Berge solide aufdrehen können, oder ich würde Vollgas zurück in Richtung See eiern und den Flug an Ort und Stelle abbrechen.

Torla sollte ich heute fliegend erreichen. Aus einer vor mir liegenden Süd-Westflanke zog es konstant mit 5-7m/s raus und katapultierte mich in kürzester Zeit auf 3300m an die Basis zurück. Mit knapp 80 Sachen blies es mich über den Pass, die Gipfel nur wenige 100m unter mir.

Im 10km entfernten Zieltal angekommen, parkte ich an einem Prallhang ein und da………pfiff es Boxi über den Pass!

Von der Wiedersehensfreude gepackt landeten wir an einem unter uns gelegenem Ausflugsparkplatz ein und mit der ein oder anderen grande Cerveca wurde gebührend die Ankunft gefeiert.

transpyr-2015: tag 6

Regen, nichts als Regen

Torla sollten am Vorabend noch alle erreichen und wir waren wieder komplett. Nach dem Frühstück ging es mit dem Bus zum Wanderparkplatz, der den Ausgangspunkt zum Ordesa Nationalpark darstellte. Dieser versprach, mit seinem 3355m hohen Monte Perdido ein landschaftliches Highlight zu werden. Jedoch sollten wir davon nicht übermäßig viel mitbekommen, denn schon beim Verlassen des Busses empfing uns Wasser von oben, von der Seite und sogar von unten.

Es schüttete aus Eimern!

Wer nun glaubt, dass uns das hätte abhalten können, hat weit gefehlt. Nachdem ich meinen Rucksack wasserfest gemacht hatte, spurtete ich, in dem Glauben Werner und Boxi seien schon ein Paar Meter vor mir, los. Nach einer guten halben Stunde wurde ich doch etwas skeptisch, als ich immer noch niemanden ausmachen konnte. Vermutlich befände sich Werner wieder im Bergmarathonmodus, was mich dazu verleitete, das Tempo nochmals anzuziehen. Nach ca.1/1/2h gab es von den Anderen noch immer keine Spur. Stehen bleiben und Pause machen war ausgeschlossen. Schon längst war ich bis auf die Unterwäsche durchgeweicht und im Falle mangelnder Bewegung machte sich in Sekunden Eiseskälte breit.

Als der Regen vorübergehend etwas abnahm und zeitweise nur in leichten Bindfäden daherkam oder gar ganz aussetzte, erreichte ich den Talschluss. Vor mir und zu beiden Seiten gruppierten sich steil aufragende Felswände und bei einem Blick zurück durfte ich das Tal in ein mystisch düsteres Licht getaucht genießen.

Schnell verschaffte sich die in mir aufkeimende Kälte wieder Raum und ich spurtete weiter. Nachdem ich über eine Geröllhalde die den Talschluss markierende, 250m hohe Wand umgangen hatte, konnte ich in der Ferne schon das nächste Refugio ausmachen.

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Mit der Aussicht auf ein heißes Getränk und eine Brotzeit legte ich nochmals einen Gang zu. Abgekämpft und völlig durchnässt erreichte ich die Hütte, deren Gastraum ich mir, bei Salami, Brot und einem Becher Kaffee, mit vielen weiteren GR11-Bergsteigern teilen durfte. Etwa eine Stunde später traf nach und nach der Rest der Gruppe ein. Kurzer Hand beschloss man, auch in Ermangelung ausreichender Schlafplätze und der für morgen noch schlechteren Wetterprognose, den Weg fortzusetzen. Als Ziel galt es, nach der Umschreitung des Perdido auf dem GR11, ins nächste ostwärts gelegene Tal abzusteigen. Kein leichtes Unterfangen, denn Wetteränderung war nicht in Sicht. Ganz im Gegenteil, zum Starkregen hatten sich mittlerweile auch Blitz und Donner gesellt.

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Bizarre Aussichten, wenn der Regen aussetzte

Oan geb mer uns noch, dann drahn mer um,“ meinte Werner.

Wir „gaben“ uns noch zwei oder drei der majestätisch bedrohlichen Illuminationen. Nebenbei sollte vielleicht nochmals nicht unerwähnt bleiben, dass wir uns auf einem hochalpinen Wanderweg befanden. Aber im Vergleich zu den Kletterern führten wir lediglich jede Menge Stoff statt Metall mit uns und waren somit natürlich völlig save…..

Eine Stunde später hatte der Wettergott des Perdido wohl ein Einsehen mit uns. Nachdem das bis dahin unsichtbar gebliebene Felsmassiv zu 2/3teln umgangen war, setzte endlich mal der Regen aus. Zeitweise riss es komplett auf und der Blick auf beeindruckende Schluchten, Täler und Steilwände wurde frei

Die bizarre Schönheit dieser in grau-blaues Licht getauchten Bergwelt war atemberaubend und machte den verlorenen Flugtag vergessen.

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Uli beim queren der Wasserfälle

Zunehmend wurde unser heutiges Unterfangen eine mühsame Plagerei gegen Nässe, Kälte und Müdigkeit. Zudem galt es auch noch einige ausgesetzte Stellen an Fixseilen zu durchqueren, wobei der Weg teilweise gänzlich den sich bahnbrechenden Wassermassen gewichen war, die in Form von Sturzbächen oder Wasserfällen für zusätzliche Herausforderungen sorgten.

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Nach weiteren drei Stunden hatten wir es geschafft. Der Perdido war umschritten und vor uns lagen nun noch 1200hm Abstieg ins Tal.

In diesem Moment riss der Himmel wieder auf und rötliche Abendsonne erhellte die matten Gemüter. Am letzten Grat vor dem Abstieg angekommen war für unseren Führungspulk, bestehend aus Werner, Uli, Robert und meiner Wenigkeit, klar, dass wir alles daran setzen würden, ins Tal abzugleiten, um uns nach diesem achtstündigen Marsch den mühsamen Abstieg zu ersparen. An einer halbwegs geeigneten Stelle im Geröll hatte Robert ohne zu zögern in Windeseile ausgelegt, als uns nochmals ein kräftiger Schauer einholte. Nachdem Robert samt Schirm gerade noch vor dem endgültigen Ertrinken gerettet werden konnte, hechteten wir unter den nächsten Felsvorsprung. Wenige Minuten später, nach Abklingen des Schauers, bildete sich über uns abermals ein blaues Loch und leichter Vorwind stand an. In Nullkommanichts war ich startklar und Robert hinterher stürzend stellte sich die größte Wohltat des Tages, ja vielleicht sogar des gesamten Trips ein, als ich mich völlig entspannt, nach geglücktem Start, in mein Gurtzeug zurück lehnen durfte.

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Abgleiter nach zehn Stunden Schinderei

Nach dem heute Durchlebten sollte das wahrscheinlich der schönste und genussvollste Abgleiter meines bisherigen Lebens gewesen sein!

Wenige Minuten später konnte ich einen guten Landeplatz in einem ausgetrockneten Flussbett ausmachen, spiralte ab und landete, dicht gefolgt von Robert, neben einem bäuerlichen Wohnhaus ein. Dort angekommen wurden wir überaus freundlich von der ansässigen Familie, die uns die Strapazen der vergangenen Stunden wohl deutlich ansah, empfangen. Nachdem wir noch an Ort und Stelle mit eisgekühlter Cerveca versorgt worden waren, fuhr uns der Hausherr zum drei Kilometer entfernten Camping, wo Robert und ich umgehend alle freien Zimmer reservierten.

Die Nacht heute noch im Zelt verbringen zu müssen, eine Horrorvorstellung!

Nachdem eine Team-SMS mit unserem Standort abgesetzt war, folgte eine halbstündige, siedend heiße Dusche. Die ausgelaugten Körper wieder wohltemperiert, konnten wir bei einer gemütlichen Flasche Rotwein die Ankunft ALLER unserer Mitstreiter an diesem Abend abwarten. Die sich anschließende Wiedersehensfeier bei einem leckeren 3-Gänge Menü war fast schon obligatorisch!

Was für ein Tag!!!

transpyr-2015: tag 7

Ainsa-Castejon

Der für den kommenden Tag angekündigte Dauerregen war Grund genug, einmal Pause zu machen.

Zwar waren wir erst sechs Tage unterwegs, doch schon jetzt fühlte es sich an, als seien es mindestens zwei Wochen. Kurzerhand beschloss man, diesen Regentag im mittelalterlichen Ainsa zu verbringen, welches ca.30km südlich lag. Ainsa bot allen genug Raum, die etwaigen Wunden zu lecken und zu regenerieren, bevor es Tags darauf, bei strahlendem Sonnenschein weiter ging. Mit bester Laune machten wir uns gen der östlich gelegenen Berge auf. Robert und ich konnten die vor uns liegenden 10km Landstraße recht schnell durch eine Mitfahrgelegenheit abkürzen und obendrein, auf Anraten der Einheimischen, den perfekten Startplatz am nächstgelegenen Berg ausmachen.

Ein kurzer Informationsaustausch per SMS, und schon trudelte nach und nach der Rest der Gruppe ein. Auf Grund der Wassermassen, die hier in den vergangenen zwei Tagen runter gespült wurden, war heute auch definitiv keine Eile angesagt, da durch das „Rausheizen“ der Restfeuchte das Vorland in riesige Abschattungen gehüllt lag.

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Start bei 8/8tel

Heute galt es „Castejon de Sos“ zu erreichen, wo unsere Nachhut aus Deutschland, vertreten durch Blaimi und Christin, eintreffen sollte. Jedoch vergingen Stunden des Wartens und nach wie vor waren alle über uns gelegenen Gipfel, beziehungsweise die gesamte Bergkette, noch tief in Wolken gehüllt. Ich hätte weiß Gott nicht viel darauf wetten wollen, dass heute fliegerisch noch „viel gehen“ würde.

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Ab und an ein bisschen Einstrahlung

Zudem war es nach der endlosen Warterei mittlerweile auch schon fast 16Uhr geworden. Egal, Boxi, Robert und ich machten uns startklar.

Vergesse nie, dass das Glas immer halb voll ist!

Trotz der 8/8tel Bewölkung gab es bei diesem Flug nur einen Weg: Den nach oben. In zartestem Steigen schraubten wir nach und nach der Basis entgegen, die Meter um Meter anhob. Als es endlich ein kleines Stück über den Grat hinaus ging und wir zu dritt schon fast in den gräulichen Wassersäcken verschwanden, packten wir die Gelegenheit beim Schopfe, sprangen über die Ridge und bohrten ins nördlich gelegene Nachbartal hinein. Auch hier konnten wir uns im schwächlichen Steigen vorarbeiten und erreichten schließlich, an der nächsten Rippe, die Basis eines schön ausgeprägten Cumulanten. Von hier an ging es dann ca.8km nach Nord-Osten zur letzten quergelegenen Bergkette vor Castejon.

Etwa auf der Hälfte des Berges angekommen, konnten Boxi und ich in den nächsten Bart einsteigen. Mit eineinhalb Metern ging es gemütlich nach oben und da wir offenbar eh den Führungspulk darstellten, gönnten wir uns eine Toplandung. Zu zweit am Berg und über den zurückgelegten Flug resümierend, galt es wieder einen wunderschönen Moment auf dieser Reise zu verbuchen.

Wenig später starteten wir erneut, drehten ein Stück über den Grat auf und glitten entspannt in das nördlich gelegene Tal von Castejon de Sos, dem fliegerischen Herzen der Pyrrenäen, ab. Es galt nun nur noch auf den unteren Startplatz drauf zu halten, der, mittlerweile perfekt vom Talwind angestrahlt, den heutigen Toplandeplatz darstellen sollte. Noch waren wir alleine.

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Toplandung in Castejon

Boxi hatte wohl schon aus der Luft, mit unvergleichlichem Spürsinn, die hinterm Startplatz gelegene Kneipe ausgemacht, in der er sofort einen kleinen Vorrat an Bier und eine Flasche Wein organisierte. Zurück am Landeplatz, machten sich mittlerweile viele einheimische Piloten zum abendlichen Soaring startklar und nach und nach kam auch der Rest der Mannschaft angeflattert. Fast alle sollten an diesem Tag das Ziel fliegerisch erreichen und irgendwann schwebten schließlich auch noch Blaimi und Christin, unsere Neuankömmlinge, ein.

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Welcomeparty hinterm Landeplatz

Es gab einmal mehr eine zünftige Willkommensparty, inklusive eines leckeren 3-Gänge-Menüs, gefolgt von einer wildromantischen Übernachtung am Startplatz bei Vollmond.

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Übernachtung in Castejon am unteren Start

Ich liebe es wenn ein Plan funktioniert!“ Jedoch war das reibungslose Funktionieren all dieser „Pläne“ der vergangenen Tage fast schon unheimlich, ja sogar gespenstisch!

Transpyr-2015: tag 8

Ein Hunni aus Castejon

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Ausblick beim Frühstück

Kaum waren wir im Fliegermekka der Pyrenäen angekommen, war Petrus offenbar wieder auf unserer Seite. Zwar war nach wie vor eine mehr oder weniger kräftige Westströmung angesagt, jedoch ließ es die zu erwartende Thermik zu, erstmals einen größeren Sprung zu planen. De facto hieß das, dass heute der erste Hunderter ausgeschrieben würde. Zwar war klar, dass das unser Feld höchstwahrscheinlich auseinander reißen würde, allerdings war es nach einer Woche lauter kürzerer Tasks fast schon unabdingbar, nun eine größere Distanz anzugehen, um hinten raus nicht in zeitliche Bredouille zu gelangen.

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Trocknen und Sortieren am Start in Castejon

Am Start angekommen war es beschlossene Sache. Ziel heute würde „Bellver de Cerdegna“ sein, ca.100km Ost-Süd-östlich. Nachdem der Pulk anfangs noch mit den etwas kniffligen, winddurchsetzten Bedingungen zu kämpfen hatte, ging es dann doch recht zielstrebig entlang der Hauptridge gen Osten.

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Gute Basis, eindeutige Ridge

Nach der ersten großen Talquerung, etwa 50km ab Start, konnten Boxi, Werner und ich wieder in den Aufwind einsteigen. Die mittlerweile stark verblasene Thermik stellte uns nun vor die Herausforderung des Tages. Boxi gelang es sich nach geraumer Zeit abzusetzen und ward nicht mehr gesehen. Wie er mir später genauer ausführte, musste seine Linienführung ab dieser Stelle äußerst abenteuerlich gewesen sein…………Für Werner und mich war Bastelstunde angesagt. Absaufgefahr bestand zwar keine, jedoch zog’s auch zum Verzweifeln einfach nicht durch!

Nach etwa einer viertel Stunde gesellte sich noch ein weiterer Schirm zu uns. Während Werner und der „Fremde“ einen Kilometer südlich ihr Glück versuchten, suchte ich mein Glück in einem völlig undefinierten Leebart. Beide Unterfangen sollten von Erfolg gekrönt sein. Ungefähr 5km weiter kreutzten sich unsere Wege wieder, beim Einfliegen in ein äußerst winddurchsetztes Hochtal.

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Man sieht: Mal wieder viel Wind

Obwohl deutlich tiefer dort angekommen, bügelte ich mit kräftigem Rückenwind im Konturenflug über den Bergrücken und der Plan ging vorrübergehend auf: Starker Talwind aus Ost stand gegen den kräftigen Höhenwind aus Südwest…..Konvergenz……ein paar Meter Höhe machen!

Obenraus waren die Bärte wie zu erwarten sehr verblasen und alle drei grundelten wir an der, das Tal nordseitig begrenzenden, Ridge. In nächster Nähe zu einer Hochspannungsleitung konnte ich schließlich den rettenden Bart ausgraben und den Flügel auf den Stabi gestellt, hatte ich zügig aufspiralt! Werner und sein Wingman hatten da weniger Glück.

Als die beiden nach einer viertel Stunde immer noch am kämpfen waren, nutzte ich die Gunst der Stunde und machte mich alleine vom Acker. Fehlentscheidung!

Vor uns lag die Stadt „La SeuD’Urgell“, wo sich ein N-S und ein ausladendes O-W-Tal kreuzten. Da mir die westlich ausgerichteten Querrippen, südlich von La Seu, perfekt von Talwind und Sonne angestrahlt schienen und sich zudem schon wieder leichte Orientierungslosigkeit in mir ausbreitete, beschloss ich zu der vor mir liegenden 10km-Talquerung, in direkter Linie über die Stadt, anzusetzen. Diesmal sollte das Glück nicht auf meiner Seite sein. Die völlig vom Talwind überfluteten West-Rippen führten bestenfalls ins Nirvana. Nach weiteren 10km, die ich mit bis zu 70 Sachen ostwärts dahin bügelte, stand ich am Boden.

Allerdings war nach einem Blick auf die App klar, dass ich genau an der Bundesstraße Richtung Bellver zum Stehen gekommen war und mich maximal 20km, entlang der Straße, zum Ziel trennen konnten. Zwei Tramps und eine halbe Stunde später erreichte ich das Tagesziel.

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Alltag nach der Ankunft: Waschen und Trocknen

Dort angekommen hatte ich, bereits nach wenigen Minuten, Boxi vorm nächstgelegenen Hotel ausgemacht und in kürzester Zeit trudelte auch großteils der Rest der Gruppe ein.

Und einmal mehr sollte ein großer Plan aufgehen…………..