Ende der Selbstdarstellung?

Es gibt Dinge, die beschäftigen. Wir sind am Ende unserer Reise angelangt, spürbar ist die Luft raus. Die vergangenen zwei Tage – ein ungeheures Geschenk: Nie zuvor hatte ich in den letzten vier Wochen derartig solide Wetterbedingungen. Eigentlich hätte man die Reise in Tiflis beenden können, völlig überraschend sollte sich jedoch die wetterbedingte Gelegenheit auftun, in den verbleibenden drei Tagen noch den landschaftlichen Höhepunkt Georgiens wahrzunehmen – Swanetien. Die Möglichkeit, bis an die finale Grenze Abchasiens zu fliegen … Erlebnisse, die wir aufgrund der Kürze, der uns verbleibenden Zeit, längst abgeschrieben hatten. Somit bin ich mehr oder weniger dort angelangt, wo ich sein wollte: zwischen zahllosen Gletschern und wilder Einsamkeit.

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Monströs: Fels und Eis wohin das Auge reicht – man fühlt sich winzig, unbedeutend!

Das Fliegen im Kaukasus verlangt einem alles ab – sich ständig verändernde Talwindsysteme, Hammer-Thermik und extreme Höhenwinde, begleitet von entsprechend heftigen Turbulenzen. Obendrein gilt es, massive Höhenmeter zu Fuß zu bewältigen.

Trotzdem kommt es zum Zwiegespräch: Zwischen den Zeilen oder auch wortwörtlich wirft man mir Selbstdarstellung vor. Selbstdarstellung?! Sicherlich nicht gänzlich von der Hand zu weisen …

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Immer wieder: extreme Karstlandschaften

Warum schreibt man überhaupt ein Reisetagebuch – wie kann es sein, dass es mittlerweile Menschen gibt, die ihren fürstlichen Lebensunterhalt damit bestreiten, Schminktips über ihren Youtube-Kanal zu verbreiten? In meinem Fall ist die Frage leicht beantwortet: Seit April letzten Jahres arbeite ich als Journalist, war ein Jahr lang hauptberuflich als Redakteur für das Thermikmagazin zuständig. Gleitschirmfliegen war von nun an nicht nur mehr Freizeit und Passion, sondern vor allem auch verpflichtender Beruf. Ich komme kaum umhin zuzugeben, dass darunter zwar nicht die Quantität meiner Fliegerei gelitten hat, unabänderlich aber die Qualität! Fliegt man gegen 300 h im Jahr, kann das bei weitem noch nichts über die Intensität der Flüge Aussagen …

Wie auch immer: Der Reise-Flug durch den Kaukasus war ein großer Traum, den ich mir erfüllen konnte. Ich habe nie die Intension gehabt, nur mehr über die Abenteuer anderer zu berichten – vielmehr wollte ich immer, und will nachwievor, meine Eigenen schreiben! Dass ich die Kaukasusreise in gewissem Maße vermarkten müsste … eigentlich hielt ich es im Vorfeld für selbstverständlich. Die Kamera war mein steter Begleiter und hat die Nerven meiner Mitstreiter wohl zusätzlich strapaziert. Sicherlich keine einfache Situation.

Zudem war es aber auch für mich ein Spagat: Es galt all die Eindrücke zu genießen, gleichzeitig aber auch detailliert festzuhalten. Zwänge, denen man ausgesetzt ist, will man Journalist sein … ein Selbstdarstellungszwang? in meinem Fall keineswegs!

Ich habe mich über jeden Kommentar, jede Zuschrift, jede positive Rückmeldung gefreut. Offenbar hat meine bisherige Berichterstattung viele begeistert, meine Texte scheinen sogar bisweilen zu berühren. Das alleine ist fast schon Grund genug die Arbeit zu leisten, die oft mühsam ist – hat man lange, strapaziöse Tage hinter sich.

Dererlei Dinge und viele weitere Gedanken sind es, die mir auf dem Weg zum Startplatz oberhalb Mestias durch den Kopf gehen. Für Robert ist die Reise hier abgeschlossen, Werner ist sich über den den heutigen Tagesverlauf ebenfalls unsicher, für einen finalen Flug über die knapp 4000 m hohe Bergkette südlich Mestias nicht wirklich zu motivieren. Meine Jungs wollen keine Strapazen mehr, der finale Abgleiter ins Flachland ist ihnen nicht mehr wichtig.

Was ich will? Einfach nur noch fliegen! Ohne Gedanken an Berichterstattung, ohne ständige Konzentration auf die Luftbewegungen der anderen. Zusammen fliegen kostet ebenfalls Energie … dieser letzte Flug soll ausschließlich für mich statt finden. Ich starte daher, sobald es die Thermik zulässt – Werner und Robert hingegen scheinen keinen Stress mehr zu haben …

Stress … ich habe nun auch keinen mehr. Vielmehr ein unbändiges Verlangen, mich empor zu schwingen, zu fliegen. Ab der ersten Sekunde fühlt es sich anders an, denn ich folge nun einzig MEINER Intuition, suche ausschließlich meine Linie. Zwar habe ich vor dem Start jede Menge Geier ausmachen können, wirklich abzureißen scheint die Ostflanke jedoch nicht zu wollen. Immer tiefer bastel ich mich in das Tal, östlich des überwältigenden Ushba – drohend steht er da, in der Vormittags-Sonne.

Die im Talverlauf südlich ausgerichteten Rippen lassen meinen Plan aufgehen: Ein anfänglicher Nullschieber hebt mich gegen 3000-, der Anschluss-Bart im Süd-Kessel Richtung Mestia schließlich nahe der 4000 m empor – die gewaltigen Zacken und Gletscherbrüche des „Todbringers“ wirken zum Greifen nahe und ich gehe auf Tuchfühlung.

Nach ausgiebigem Staunen geht es weiter gen Westen: Ich möchte noch so viel als möglich dieser einzigartigen Landschaft inhalieren, bevor politische Zerwürfnisse wieder einen Riegel vorschieben – die abchasische Grenze ist ein striktes Tabu!

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Kurz vor der Talquerung: jetzt noch den geeigneten Bart finden – möglichst weit Richtung Talmitte

Längst habe ich mir einen Plan zurecht gelegt: Es gilt einen Talsprung zu meistern und die sich anschließende Steinwüßte zu queren. Ca. 20 km weiter östlich kurbel ich an Höhe was geht, es ist ca.13.30 Uhr und der Beschluss zur Talquerung nach Süden steht fest – mindestens 10 km gilt es zu bewältigen. Der niedrigste Punkt der zu überfliegenden, südwest ausgerichteten Kette liegt bei ca. 2400 m, als ich am Ende der Querung auf Gegenwind stoße …

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Richtung Süden: großflächige Abschattungen aufgrund von Überentwicklungen. Die Meeresluft feuchtet an

Ich gehe mit dem Poison Rolle auf Rolle. Im Vollgasmodus pflügt die Sichel in den turbulenten Gegenwind und zeigt mir erneut, wozu dieser leistungsstarke Flügel konzipiert ist … Mit satter Höhe kommen wir über Grat an und steigen in das zerissene Aufwindband ein.

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Ein Blick zurück zeigt es deutlich: Das ausufernde Tal von Mestia bietet grenzenlose Streckenflugmöglichkeiten, in atemberaubender Kulisse!

 

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Die Nordseite zeigt sich kalt, düster, rauh und bockig!

Das letzte Hinderniss, die massive, knapp 4000 m hohe Kette Richtung Süden ist erreicht. Zwar ist es hier aufgrund der feuchten Meeresluft absolut überentwickelt, dennoch kann ich mich mit zarten Aufwinden gegen diesen enormen Riegel fortbewegen. Immer wieder Einbuchtungen im Fels, sogar Toplandemöglichkeiten zwischen den Gletschern … Das Fliegen auf dieser Nordseite ist düster, rauh und bitter kalt.

Und dann blitzt es ab und an durch – das Flachland. Ich überlege, zweifle, versuche eine Entscheidung zu treffen. Natürlich währe es verlockend und wohl auch legitim, die Reise für mich mit diesem finalen Abgleiter ins Flachland zu beschließen. Fliegen, bis es keine Berge mehr gibt … Nach einer Stunde des Abtastens und Möglichkeiten-Sondierens schlage ich einen Haken, drehe ab, ziehe Wind unterstützt und im Vollgas einen weiten Strich nach Nordosten, bis an den Fuß des gewaltigen Tetnuldi. Ich wechsle auf einen Dreiecks-Kurs.

Zünftig reißen mich die perfekten Westflanken empor, zurück auf knapp 4000 m und es fühlt sich an, als flöge man in der Abendsonne entlang des Heiligkreuzkofels, nur in völlig anderer Dimension!

Jeder weitere Kreis ist überflüssig, dennoch Streife ich entlang der Grate und Felsabbrüche, inspiziere genauestens das Basislager einer Expedition am Gletscherfuß und lasse mich von den überwältigenden Eindrücken erschlagen.

Entschieden habe ich mich heute einzig für das Erlebnis und … die Rückkehr sowie den gemeinsamen Abschluss mit meinen Freunden.

Am Ausgangspunkt zurück, werde ich gegen 17.30 Uhr an den wunderschönen Seen erneut toplanded. Die tiefstehende Abendsonne, einsame Ruhe, ein Stück Brot und Käse – ein anschließend ausgedehnter Abgleiter: mein ganz persönlicher Abschied vom lang gehegten Traum, vom nun erfüllten und bewältigten Abenteuer.

Siehe Flug unter:

https://www.dhv-xc.de/leonardo/index.php?op=show_flight&flightID=1043608

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7 Kommentare

  1. Wow!
    Habe Deine Berichte sehr genossen! Liebe Georgien, seit ich dort zwei Jahre gelebt und gearbeitet habe.
    Bin mit meinem Mann schon 1989-91 im Kaukasus (in Gudauri) mit dem Gleitschirm geflogen – oder was man damals als fliegen bezeichnet hat. War vor zwei Jahren wieder in Gudauri und habe Ralf Reiter von airsthetik.at im letzten Jahr auch überredet, eine Flugreise nach Georgien zu veranstalten, wobei wir auch in Kachetien geflogen sind. Kenne den Kaukasus auch von Hubschrauberrundflügen in den alten Zeiten, als man sich einfach für einen Tag einen Militärhubschrauber samt Crew für ca. 250US-Dollar buchen konnte. Mit deinen Berichten sind all die alten Erlebnisse und jüngsten Eindrücke wieder in mir hoch gestiegen. Vielen Dank dafür! Georgien ist ein fantastisches Land mit tollen Menschen und das Gleitschirmfliegen hätte dort sicher großes Potential. Leider gibt es im Augenblick noch einige Hindernisse. Für Menschen Deines Kalibers scheint es aber keine Grenzen zu geben. Einfach Wahnsinn, was Du da geleistet hast!
    Liebe Grüße
    Andrea

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    • Liebe Andrea, danke für deine aufmunternden Worte, das unterstreicht die Sinnhaftigkeit dieser Darstellung. Auch für „Menschen meines Kalibers“ gibt es Grenzen und Hindernisse – wenn vielleicht letztlich auch nur politische waren …
      In der Heimat angekommen steht nun leider ziemlich prägnant die Jobsuche und vielerlei Dinge mehr an, trotzdem ist der Kaukasus noch absolut präsent und ich hoffe, dass das noch eine Zeit so bleiben wir …
      Darf ich fragen,durch was oder wen du auf meinen Blog aufmerksam geworden bist?

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      • „Freitagsthermik“ vom Thermikmagazin hat Deinen Blog verlinkt. Du bringst Deine Georgiengeschichte doch hoffentlich auch dort? Ich konnte in Deinen Berichten keine übertriebene Selbstdarstellung finden.
        Übrigens, es heißt Abchasien. 😉
        Viel Glück bei der Jobsuche!

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      • Danke, dieser Abchasien-Fauxpas wurde gestern im Freundeskreis schon ausführlich diskutiert … In der Thermik wird sicherlich etwas kommen😉
        Bezüglich der Jobsuche mache ich mir keine Sorgen, das wird schon werden … Gerade bin ich nur froh, wieder daheim zu sein!

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  2. Lieber Philipp,
    mir hat es viel Freude gemacht zwischen Laptop und Regionalexpress Dein faszinierendes Abenteuer in Wort und Bild zu sehen und so ein wenig teilzuhaben.
    Keep going! 🙂
    Herzliche Grüße,
    Geli

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  3. Vielen Dank für deine Berichte.
    Ich habe sie gerne verfolgt und es hat mich sehr fasziniert – obwohl ich mich nicht zur Gleitschirm-Gemeinde zählen kann.
    Ein unglaubliches Abenteuer. Ich bewundere und beneide dich, dass du dir diesen Traum erfüllt hast.

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    • Danke Dir für’s mitfiebern! Natürlich ging’s ums Gleitschirmfliegen, aber eigentlich um so viel mehr … Viele Begegnungen, die meine Perspektive beeinflusst und verändert haben. Letztlich ist der Gleitschirm nur als Medium zu sehen, als faszinierende Fortbewegungsart. Daher freut es mich umso mehr, wenn sich auch Nichtflieger angesprochen fühlen … Hg
      Philipp

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