Bodenlos

14 Stunden! Sieben davon eingeklemmt auf der Rückbank eines Ladas. Aufrecht sitzen – mit 1,97 m ein Ding der Unmöglichkeit. Vermutlich sind diese Fahrzeuge eher für die Größe der „Staatslenker“ gebaut. Der oberste Vorsteher Russlands soll ja gerademal ungefähr 1,50 m auf den Zeiger bringen …

Gegen 5 Uhr morgens erreichen wir Wladikawkas. Die Polizeikontrollen haben sich vortgesetzt: Wir sind mittlerweile bei Nr.5 angekommen. Tatsächlich sollen wir relativ ungeschoren davonkommen, was vermutlich einzig der Tatsache, dass Roman beim russischen Militär arbeitet (stationiert in Abachasien), geschuldet ist. Normalerweise kostet das hier Geld. „Auch wenn du dir nichts zu Schulden gekommen lassen hast: Sie werden immer etwas finden.“

Nachdem wir unsere beiden Begleiter in einem Vorort abgesetzt haben, meint Roman, er müsse eine halbe Stunde schlafen … einfach nur zu verständlich. Danach geht es tatsächlich bis kurz vor die Grenze: In einer wilden Fahrt, die teilweise von Rallyniveau zeugt, heizt Roman links und rechts der Straße an der kilometerlangen Autokolonne vorbei. Hier herrscht absoluter Stillstand!

Die dazwischen befindlichen Polizeistreifen grüßt er lediglich. Die Erklärung hierfür: Sie hätten vor ihm Respekt, da er ihnen durch seine Stellung beim Militär überlegen ist. Ein Freibrief? Irgendwie so ähnlich … Einen Kilometer vorher heißt es jedoch Vollstop: Ab hier geht es nur noch zu Fuß weiter. Mit einer herzlichen Umarmung verabschieden wir uns und spätestens jetzt wird mir umfassend bewusst, dass ich Mal wieder einen richtig guten Kerl getroffen habe. Tatsächlich hat er sich derartig Sorgen gemacht, dass er alle Eventualitäten ausschließen und mich direkt bei den Grenzposten abliefern wollte.

Mystische Morgenstimmung an der Heer-Straße: Aus dem Nichts türmen sich plötzlich steilaufragendende Felswände zur Linken und Rechten. Der Beginn einer atemberaubenden Schlucht, durch 5000m hohe Berge!

Am Schlagbaum zwischen den Gittern wedle ich selbstsicher mit dem Pass – doch der Grenzer zeigt sich relativ unbeeindruckt. Zu Fuß die Grenze passieren? Unmöglich. Ich verwickle ihn in ein Gespräch und erzähle ihm von großen Plänen … Zehn Minuten später sitze ich bereits in einem armenischen Wagen, den er für mich aufgetan hat.

Dann Zoll- und Passkontrolle: wir steigen aus und durchlaufen das Prozedere. Während der russische Grenzbeamte auf die Pässe der anderen lediglich flüchtige Augenblicke verschwendet, verharrt er über meinem minutenlang, tippt im Computer, blickt mir immer wieder lange ins Gesicht … Stimmt etwas nicht? Habe ich mich in diesem Land zu offen präsentiert, gibt es bereits Meldungen? Mir wird heiß und kalt … Irgendwann dann ein Erlösendes Klack. Der Ausreisestempel ist in meine Papiere geschlagen!

Wir fahren in die neutrale Zone zwischen den beiden Ländern und ich schlummere auf der Rückbank ein. Beim aufwachen: erneuter Stillstand.

Ich bedanke mich für den Lift und setze den Fußmarsch fort. Vor der georgischen Grenze soll ich deshalb nochmals einen ordentlichen Rüffel bekommen, doch dann ist es soweit: Zielsicher bewege ich mich zum georgischen Beamten, klopfe an die Tür und mache auf mich aufmerksam. Kurzerhand nimmt er sich meiner an – Fußgänger sind hier nicht alltäglich … Er verschwindet kurz mit den Papieren, um dann grinsend mit der Botschaft zurück zu kommen: Welcome to Georgia!

Ein armenischer Lada aus den 70gern gabelt mich auf: Auch hier kann ich auf der Rückbank die Augen kaum offenhalten. Als ich jedoch wenige Kilometer vor Gudauri vermeintlich einen Gleitschirm ausmachen kann, bin ich hellwach und nur wenige Minuten später stehe ich am Startplatz.

Auch hier: Die einheimischen Piloten heißen mich als Freund willkommen. Lasha erklärt mir, wie’s hier läuft und dass es später vielleicht noch ganz ordentlich fliegt: „Nice Dinner-Mix.“

Ich ignoriere das trübe Wetter, packe meine Sachen aus und lass die Locals den Poison bestaunen: Derartige Hightech-Waffen bekommt man hier offenbar eher selten zu sehen. Auch das Range X-Alps 2 zeigt sich aufsehenerregend …
Nachdem ich am Startplatz meine Geschichte losgeworden bin, hält man mich offenbar für verrückt: Der Typ ist bald 20 Stunden unterwegs, hat nicht geschlafen und will fliegen gehen … Ich nehme einen Schluck Wasser, lümmel am Boden und nicke erneut weg. Als ich aufwache, steht der Wind an: „Nice Dinner-Mix“😀😁😎 manche können sich halten. In Windeseile schäle ich mich in den Gurt, bringe die elegante Orchidee aus der Skywalkschmiede zum blühen und verliere den Boden unter den Füßen … tatsächlich geht’s nach oben. Was mit mühsamem Soaring beginnt, soll wenig später, trotz 8/8tel Bewölkung, im thermischen Anschluss enden und dann ziehts auch noch ordentlich durch … 3300 m. Klingt hoch, ist allerdings in Anbetracht der Erhebungen umliegender Berge eher als Mindestmaß dessen zu betrachten, was nötig ist, um überhaupt irgend etwas unternehmen zu können … Richtung Süden zeigt sich die Sonne, ich möchte meine Freunde treffen und fliege etwa eine Stunde gegen strammen Südwind, in Richtung Tiflis … Weit soll’s nicht gehen, aber immerhin: Nach all dem was war … eine Wohltat!

Landeplätze auf der Südseite um Gudauri: Jede Menge und eine andere Welt – verglichen mit dem Norden

Die Sachen sind gepackt, ich kontaktiere Freund Mikho in Tiflis, der mich zum nächstgelegenen Hotel lotst. Ich checke ein, organisiere noch einige kühle Getränke und schon Minuten später falle ich in komatösen Schlaf.

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1 Kommentar

  1. Lieber Phillip,
    freu mich, dass du wieder auf Kurs bist…pass mir auf die Jungs auf 🙂
    Sonnige Grüsse aus dem Chiemgau

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