Grenzen!

Ein künstlerisches Multitalent: Musik und Bildhauerei, geprägt von großer Melancholie

… es gibt sie. Was mir die letzten Tage in Russland widerfahren sollte, bringt mich gehörig ins Wanken. Sicherlich, einfach hatte ich es mir ohnehin nicht vorgestellt.

Doch die Realität zeigt es deutlich: Kommen zu den durchaus harten politischen sowie volkstümlichen Eigenheiten auch noch unfliegbare Bedingungen dazu, wird es mental schnell grenzwertig. Die zumeist nord-süd verlaufenden Täler warten mit Passhöhen von mindestens 3000 m auf. Talschlüsse und Gipfelregionen sind großteils weit ausgesetzt, die Täler durchzogen von dschungel-artigem Bewuchs, absoluter Wildnis. Erhoffte Wege sind gänzlich Fehlanzeige, zu suchen hat man sie stets auf eigene Faust. Die ganze Region führt enorm viel Wasser, der ständigen Nässe ist kein Entrinnen. Das alleine und die Tatsache, dass man sich oftmals weit ab der Zivilisation bewegt, machen die Tour bereits extrem. Ständige Warnungen Einheimischer, sich nicht in den „verkehrten“ Gebieten aufzuhalten, setzen dem Unterbewusstsein über die Maßen zu. Trotzdem war ich bisher meist guter Dinge. Einzig die Tatsache, dass das Wetter hier auf der Nordseite anhaltende Labilisierung bereit hält, lässt mein Kartenhaus vorerst in sich zusammen stürzen: Es ist schlichtweg unfliegbar!

Ich gebe es ungern zu, doch der Plan, der Route des Nordkaukasus zu folgen, ist – zumindest für meinen Reisezeitraum – gescheitert. Wetteränderung oder gar Besserung ist nicht in Sicht. Die Strecke zu Fuß – überaus gewaltig. Ich werde in mich gehen und Rat suchen,wahrscheinlich meinen Weg auf der Südseite, in Georgien fortsetzen. An dem Termin, meine Mitstreiter um den 06./07. August in Gudauri am Kasbek zu treffen – ich halte daran fest.

Andreji rappt – er sei einer der Top Ten der russischen Szene

Der heutige Tag in Psebaj zeigt mir überaus eindrücklich, wie sehr die Schere in diesem Land tatsächlich auseinander geht. Diamanten-Shopping, kombiniert mit Champus-Partys in Sotschi auf der einen, das Plumpsklo der Eltern von Andrej, dessen Mutter versucht, die kärgliche Rente des Vaters durch einen Second-Hand-Shop, sowie dem Vertrieb von Prepaid-Karten aufzubessern, auf der anderen Seite. Einen ganzen Tag fahren wir für Medikamente und andere Lebensnotwendigkeiten durch die Gegend – ich habe aufgrund meiner Sprachbarriere wieder nur die Rolle des stillen Beobachters inne. Andreijs Opa – inhaftiert im deutschen KZ. Trotzdem oder gerade deshalb sei der Enkel gegen Krieg, könne den deutschen Nachfolge-Generationen keine Vorwürfe machen, und spricht sich gleichzeitig ausdrücklich gegen den amtierenden „Landesfürsten“ aus. Demokratie, sagt die Mutter, es gäbe hier keine!

Der Tag in Psebaj hat mir zugesetzt, mich enorm aufgewühlt. Während mich mein Fahrer auf der zweistündigen Fahrt zum Bahnhof geleitet, habe ich Zeit zu resümieren: Ich bin wenige Tage in diesem Land und habe die harte Realität dieser Menschen kennen gelernt. Und trotzdem: Betrachte ich den Gemüsegarten, die Hühner und Enten, die kunstvollen Schnitzereien des Vaters sowie den harmonisch familiären Einklang dieser Menschen, wird mir warm ums Herz.

Ich komme in den Genuss eines vorzüglichen Abendmahls (Ente an einer Art Risotto), begleitet von Selbstgebranntem und den musikalisch anührenden Klängen des großen, väterlichen Talents. Ein Mensch dessen Gesicht nicht nur Bände spricht, sondern Welten erzählt. Das Videomaterial dieser einzigartigen Momente – es sollte großartig werden!

Andreji hat für mich gerappt, sein Vater wunderschön gesungen und vorzüglich gekocht, die Mutter organisiert, selbstlos, lediglich um meiner Willen. Man hat keine Bedingungen, keine Erwartungen.

Ich empfinde Demut und Dankbarkeit.

Andreijs Freund Roman fährt mich durch die Nacht, knapp zwei Stunden, mit mir unklarem Ziel. Ein Nachtzug soll mich dahin bringen, wo die Uhren anders schlagen.

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5 Kommentare

  1. Du hast es versucht – das ist, was zählt! Weiter viele Abenteuer, macht Spaß, Deine Berichte zu lesen.
    LG Geli

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  2. Sepp, herzlichen Dank für die aufmunternden Worte. Trotzdem ist’s irgendwie zum Mäusemelken … Hab versucht das Hundswetter samt seiner grausigen Hitze an der Schwarzmeerküste auszusetzen … solala. Habe jetzt kurzfristig eine Mitfahrgelegenheit bekommen und der Entschluss steht fest: 12h Autofahrt, auf der Rückbank eines Ladas eingepfercht – einen Viehtransport Stelle ich mir kaum anders vor! Dafür werden wir in den frühen Morgenstunden die Georgische Heerstraße bei Wladikawkas erreichen, man will mich bis zum Grenzposten bringen. Überhaupt einen vernünftigen Weg nach Georgien zurückzufinden, war erneut eine absolute Herausforderung. In Russland schlagen die Uhren einfach anders … Wenn es gut geht, werde ich gegen fünf zu Fuß die Grenze passieren wobei mir ein vielleicht bisschen mulmig zu Mute ist, aber was soll schon groß sein?
    falls das Wetter morgen halbwegs hält, würde ich direkt an der Heerstraße starten und mir den Frust von der Seele fliegen!!! Schöne Grüße an daheim😉😎

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  3. spannende lektüre, mann…tolle reise….hab wegen der absolut abnormalen temperaturen von gletschertouren abstand genommen. das wetter ist eben ein hund. bitt´di goar schee.

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