transpyr-2015: tag 6

Regen, nichts als Regen

Torla sollten am Vorabend noch alle erreichen und wir waren wieder komplett. Nach dem Frühstück ging es mit dem Bus zum Wanderparkplatz, der den Ausgangspunkt zum Ordesa Nationalpark darstellte. Dieser versprach, mit seinem 3355m hohen Monte Perdido ein landschaftliches Highlight zu werden. Jedoch sollten wir davon nicht übermäßig viel mitbekommen, denn schon beim Verlassen des Busses empfing uns Wasser von oben, von der Seite und sogar von unten.

Es schüttete aus Eimern!

Wer nun glaubt, dass uns das hätte abhalten können, hat weit gefehlt. Nachdem ich meinen Rucksack wasserfest gemacht hatte, spurtete ich, in dem Glauben Werner und Boxi seien schon ein Paar Meter vor mir, los. Nach einer guten halben Stunde wurde ich doch etwas skeptisch, als ich immer noch niemanden ausmachen konnte. Vermutlich befände sich Werner wieder im Bergmarathonmodus, was mich dazu verleitete, das Tempo nochmals anzuziehen. Nach ca.1/1/2h gab es von den Anderen noch immer keine Spur. Stehen bleiben und Pause machen war ausgeschlossen. Schon längst war ich bis auf die Unterwäsche durchgeweicht und im Falle mangelnder Bewegung machte sich in Sekunden Eiseskälte breit.

Als der Regen vorübergehend etwas abnahm und zeitweise nur in leichten Bindfäden daherkam oder gar ganz aussetzte, erreichte ich den Talschluss. Vor mir und zu beiden Seiten gruppierten sich steil aufragende Felswände und bei einem Blick zurück durfte ich das Tal in ein mystisch düsteres Licht getaucht genießen.

Schnell verschaffte sich die in mir aufkeimende Kälte wieder Raum und ich spurtete weiter. Nachdem ich über eine Geröllhalde die den Talschluss markierende, 250m hohe Wand umgangen hatte, konnte ich in der Ferne schon das nächste Refugio ausmachen.

DCIM101GOPRO

Mit der Aussicht auf ein heißes Getränk und eine Brotzeit legte ich nochmals einen Gang zu. Abgekämpft und völlig durchnässt erreichte ich die Hütte, deren Gastraum ich mir, bei Salami, Brot und einem Becher Kaffee, mit vielen weiteren GR11-Bergsteigern teilen durfte. Etwa eine Stunde später traf nach und nach der Rest der Gruppe ein. Kurzer Hand beschloss man, auch in Ermangelung ausreichender Schlafplätze und der für morgen noch schlechteren Wetterprognose, den Weg fortzusetzen. Als Ziel galt es, nach der Umschreitung des Perdido auf dem GR11, ins nächste ostwärts gelegene Tal abzusteigen. Kein leichtes Unterfangen, denn Wetteränderung war nicht in Sicht. Ganz im Gegenteil, zum Starkregen hatten sich mittlerweile auch Blitz und Donner gesellt.

16

Bizarre Aussichten, wenn der Regen aussetzte

Oan geb mer uns noch, dann drahn mer um,“ meinte Werner.

Wir „gaben“ uns noch zwei oder drei der majestätisch bedrohlichen Illuminationen. Nebenbei sollte vielleicht nochmals nicht unerwähnt bleiben, dass wir uns auf einem hochalpinen Wanderweg befanden. Aber im Vergleich zu den Kletterern führten wir lediglich jede Menge Stoff statt Metall mit uns und waren somit natürlich völlig save…..

Eine Stunde später hatte der Wettergott des Perdido wohl ein Einsehen mit uns. Nachdem das bis dahin unsichtbar gebliebene Felsmassiv zu 2/3teln umgangen war, setzte endlich mal der Regen aus. Zeitweise riss es komplett auf und der Blick auf beeindruckende Schluchten, Täler und Steilwände wurde frei

Die bizarre Schönheit dieser in grau-blaues Licht getauchten Bergwelt war atemberaubend und machte den verlorenen Flugtag vergessen.

17.0

Uli beim queren der Wasserfälle

Zunehmend wurde unser heutiges Unterfangen eine mühsame Plagerei gegen Nässe, Kälte und Müdigkeit. Zudem galt es auch noch einige ausgesetzte Stellen an Fixseilen zu durchqueren, wobei der Weg teilweise gänzlich den sich bahnbrechenden Wassermassen gewichen war, die in Form von Sturzbächen oder Wasserfällen für zusätzliche Herausforderungen sorgten.

18.1.

Nach weiteren drei Stunden hatten wir es geschafft. Der Perdido war umschritten und vor uns lagen nun noch 1200hm Abstieg ins Tal.

In diesem Moment riss der Himmel wieder auf und rötliche Abendsonne erhellte die matten Gemüter. Am letzten Grat vor dem Abstieg angekommen war für unseren Führungspulk, bestehend aus Werner, Uli, Robert und meiner Wenigkeit, klar, dass wir alles daran setzen würden, ins Tal abzugleiten, um uns nach diesem achtstündigen Marsch den mühsamen Abstieg zu ersparen. An einer halbwegs geeigneten Stelle im Geröll hatte Robert ohne zu zögern in Windeseile ausgelegt, als uns nochmals ein kräftiger Schauer einholte. Nachdem Robert samt Schirm gerade noch vor dem endgültigen Ertrinken gerettet werden konnte, hechteten wir unter den nächsten Felsvorsprung. Wenige Minuten später, nach Abklingen des Schauers, bildete sich über uns abermals ein blaues Loch und leichter Vorwind stand an. In Nullkommanichts war ich startklar und Robert hinterher stürzend stellte sich die größte Wohltat des Tages, ja vielleicht sogar des gesamten Trips ein, als ich mich völlig entspannt, nach geglücktem Start, in mein Gurtzeug zurück lehnen durfte.

DCIM101GOPRO

Abgleiter nach zehn Stunden Schinderei

Nach dem heute Durchlebten sollte das wahrscheinlich der schönste und genussvollste Abgleiter meines bisherigen Lebens gewesen sein!

Wenige Minuten später konnte ich einen guten Landeplatz in einem ausgetrockneten Flussbett ausmachen, spiralte ab und landete, dicht gefolgt von Robert, neben einem bäuerlichen Wohnhaus ein. Dort angekommen wurden wir überaus freundlich von der ansässigen Familie, die uns die Strapazen der vergangenen Stunden wohl deutlich ansah, empfangen. Nachdem wir noch an Ort und Stelle mit eisgekühlter Cerveca versorgt worden waren, fuhr uns der Hausherr zum drei Kilometer entfernten Camping, wo Robert und ich umgehend alle freien Zimmer reservierten.

Die Nacht heute noch im Zelt verbringen zu müssen, eine Horrorvorstellung!

Nachdem eine Team-SMS mit unserem Standort abgesetzt war, folgte eine halbstündige, siedend heiße Dusche. Die ausgelaugten Körper wieder wohltemperiert, konnten wir bei einer gemütlichen Flasche Rotwein die Ankunft ALLER unserer Mitstreiter an diesem Abend abwarten. Die sich anschließende Wiedersehensfeier bei einem leckeren 3-Gänge Menü war fast schon obligatorisch!

Was für ein Tag!!!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s