TransPyr-2015: Tag 11

Vorletzte Etappe

Die bis hier hin rau, massiv und trotzdem majestätisch anmutende Bergwelt, wich der sanften und durchaus stark bewaldeten Hügellandschaft, die uns nun erwartete. Partiell wären diese Gebiete wohl am ehesten mit dem Bayerischen Wald zu vergleichen.

Nach mühsamer Tramperei entlang einer Passstraße, durften wir uns nun alle an einem etwas höheren Buckel wiederfinden, der zumindest im oberen Viertel unbewaldet und damit startbar schien. Ob der an und für sich unlandbaren Situation im Tal entschieden sich heute einige gegen einen Start. Werner konnte als erster in der zähen Suppe aufdrehen, bog dann aber, vom kräftigen Südwind versetzt, gen Norden ab und ward nicht mehr gesehen. Boxi und ich konnten in einer Konvergenz mühsam Meter um Meter erkämpfen und quer ab zum Wind gen Osten vorhalten. Während Boxi an der Nord-Süd verlaufenden Ridge, einer sich anschließenden Hochebene, aufdrehen konnte, hatte ich hingegen meine liebe Not. Nach einem halbstündigen Kampf an der mittlerweile völlig vom Südwind überfluteten Bergkette landete ich am letztverfügbaren Fleckchen Wiese, am Rande der Hochebene ein, bevor mich die dunklen Wälder zu verschlucken drohten.

Der Zufall wollte es, dass ich mit meiner Ankunft, auf dem von mir geenterten Privatgrundstück, mit seinen bunkerähnlichen Bauten, offenbar ein belgisches Ferienlager sprengte. Schnell machte man mir begreifbar, dass es auch sehr witzig gewesen wäre, ein Paar hundert Meter zuvor einzulanden, denn ich hätte mich dort wohl im Vorgarten einer Nudistenkommune wiedergefunden.

Offenbar sollten die Pyrenäen Abenteuer für mich bereithalten, die weit übers Fliegerische hinaus gehen könnten!

Umlagert von Dutzenden belgischer Kinder und deren Betreuer wurde meine Ankunft der eines Rockstars gleich gefeiert. Autogramme konnte ich gerade noch abwiegeln, doch alle durften mal den Gleitschirm anfassen, oder sich ins Gurtzeug setzen. Mit dem Hut in der Hand kommt man eben doch durchs ganze Land, denn kurz darauf wurde ich auch noch zum Abendessen eingeladen, was ich leider dankend ablehnen musste. Bis zum Tagesziel „El Pertus“ waren es locker noch 20km Luftlinie und somit galt es noch ein gutes Stück Weg zurück zu legen.

Die Belgier verschafften sich auf einer Landkarte den nötigen Überblick und sofort bot sich einer von ihnen an, mich ein Stück zu fahren. Nachdem ich meinen Rucksack gepackt hatte, gönnte ich mir noch eine äußerst erfrischende Abkühlung, unter der mir überaus freundlich offerierten Gartendusche, und nur wenig später saß ich schon in einem Minivan, der mich in die 10km entfernte Zivilisation zurückbringen sollte. Mein Fahrer entpuppte sich als international operierender IT-Ingenieur und erklärte mir, dass er schon seit Jahrzehnten seinen Sommerurlaub, als ehrenamtlicher Betreuer, in eben diesem Ferienlager verbracht hatte. Auf die Frage, ob das auch immer mit den Ferienplänen seiner eigenen Familie korreliere, gab er mir nur zur Antwort, dass Frau und Kinder einfach mit eingebunden würden, denn diese Arbeit sei ihm überaus wichtig!

Kurz dachte ich über meine zurückliegende Gleitschirmreise, das Konstrukt Urlaub als solches und vor allem den Nutzen daraus nach, als ich mir einen Augenblick lang eingestehen musste, dass es wohl durchaus sinnstiftendere Dinge gab, als wochenlang unter einem Stück Stoff durch die Pyrenäen und Südfrankreich zu tingeln.

Zum Abschied bedankte ich mich aufs herzlichste und trampte weiter. Zwei Mitfahrgelegenheiten später traf ich dann auf eine überaus reizende Französin. Zwar fuhr sie wie der Henker, bot sich jedoch irgendwann an, für mich einen riesigen Umweg in Kauf zu nehmen und mich bis nach El Pertus zu bringen. Angeblich könnte man dort extrem günstig tanken und das würde sie damit gleich verbinden wollen. Unsere Kommunikation beruhte auf Händen und Füßen. Schnell jedoch musste ich den Eindruck gewinnen, dass sie wohl gerne noch das ein oder andere Tütchen mit mir rauchen wollen würde. Darüber hinaus hätte sich, durch höchstwahrscheinliche, amouröse Verstrickungen, die Chance aufgetan, sich mit ihr für heute von der Gruppe abzusetzen und diese Nacht in deutlich bequemerem Nachtlager, als dem meines Ultraleichtzelts, zu verbringen.

Die Sehnsucht nach den Freunden war wohl zu groß.

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Zivilisationshammer und Wiedersehen mit Freunden

In besagtem Grenzort zwischen Frankreich und Spanien präsentierte sich mir, nachdem ich mich höflich verabschiedet hatte, die Zivilisation von ihrer hässlichsten Seite. Ich hatte Boxi und Tom vor einem runter gekommenen Eiscafé an der Hauptstraße ausmachen können, von wo aus wir uns nun gemeinsam dem bunten Treiben der sich darbietenden Szenerie widmen durften.

Offenbar bemerkte man unter den Einheimischen schnell die prekäre Lage, dass wir keine Armbanduhren trugen, denn anders hätte ich mir nicht erklären können, weswegen man mir unablässig eine aufschwatzen wollte! Natürlich war alles von feinster Markenqualität: Rolex, Breitling, Omega; selbstverständlich zum kleinen Preis. Während sich durch den doch überschaubaren Ort eine unaufhörliche Autokolonne wälzte, wurde im Hintergrund mit ungefähr jeder zweiten Reklametafel für „unfassbar günstige“ Drei-Gänge-Menüs, auf wahrscheinlich höchstem Niveau, geworben. Bereichert wurde das Bild von stark alkoholisierten Jugendlichen, die im Minutentakt, mit Einkaufswägen voller Schnaps und stangenweise Zigaretten unter den Armen, vorüber zogen.

Nach zwei Wochen intakter Natur und heiler Bergwelt glaubte ich mich in einem Alptraum wiedergefunden zu haben! Nach und nach taumelte auch der Rest der Gruppe ein und ich konnte ein Großraumtaxi organisieren, dass uns etwa gegen 19.30 Uhr dazu verhalf, diesem Drecksloch zu entfliehen!!!

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zurück im Paradies

In der untergehenden Abendsonne fuhren wir auf einer gut ausgebauten und wunderschönen Forststraße dem letzten Refugio des GR10, vor Ankunft am Mittelmeer, entgegen. Nachdem ich schon glaubte, den Untergang des Abendlandes aus nächster Nähe betrachtet zu haben, wartete zur Versöhnung der wohl idyllischste Zeltplatz der vergangenen zwei Wochen auf mich. Während die anderen beim 3-Gänge-Menü auf der Terrasse des Refugio saßen, entkorkte ich eine Flasche Rotwein und ließ meinen Blick dem untertauchenden, glutroten Feuerball hinterher schweifen.

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Von absolutem, innerem Frieden erfüllt, hing ich meinen Gedanken nach:

Das waren sie also gewesen, die Pyrenäen.

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